„Wer bin ich?“ als „Wo bin ich?“ – Mensch‐Sein, Raum und Technik

4. November 2015 von Janina Sombetzk

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

In diesem Vortrag soll an der Schnittstelle von philosophischer Anthropologie, Technikphilosophie und Raumtheorie die Frage diskutiert werden, inwiefern sich Mensch‐Sein und menschliches Selbstverständnis über die Räume definieren lässt, in denen sich der Mensch aufhält. Schnittstelle Anthropologie und Raumtheorie: Neben Alkmaion‐Topos, Kompositionsformel und dem Mikrokosmos‐/Makrokosmos‐Ansatz nennt das Historische Wörterbuch der Philosophie im Artikel „Mensch“ die „Horizontformel“ (HWPh Bd. 5, S. 1072) als einhistorisches Prinzip der philosophischen Anthropologie (wenngleich auch nach Proklos und Kant innerhalb der philosophischen Reflexion eher stiefmütterlich behandelt). Anders als durch die zuvor genannten Topoi wird der Mensch hier nicht über ein oder mehrere Attribute definiert, „sondern durch die Sphären, in die er nach oben und untenhineinragt“ (ebd., S. 1073). Das Selbstverständnis des Menschen hat der Horizontformel zufolge unmittelbar etwas mit den Räumen und Sphären, in denen er sich bewegt, zu tun. Es wandelt sich in Abhängigkeit davon, wie wir den Raum um uns herum konzipieren. Schnittstelle Raumtheorie und Technikphilosophie: Bis in die Gegenwart war der Mensch ausschließlich auf dem Planeten Erde beheimatet, eine räumliche Transzendenz war höchstens gedanklich in Form einer spezifischen Jenseits‐Vorstellung möglich. Dieses Konglomerat aus Erde, Jenseits und täglich erfahrenem Sinnzusammenhang, das seit jeher Grundlage menschlicher Selbstdefinition war, wurde in der Antike als Kosmos bezeichnet und seit der Spätantike als Welt. Noch an den mittelalterlichen Weltkarten, densogenannten mappae mundi wie bspw. der Ebstorfer Weltkarte, lässt sich die unmittelbare Verknüpfung von Mensch‐Sein („Wer bin ich?“) und räumliche Verortung („Wo binich?“) nachvollziehen (vgl. hierzu Kwekkeboom und Schröder in dem Text „Erfahrungsgrenzen – Grenzerfahrungen“, 2010). Nun versprechen populäre Posthumanisten demMenschen einen neuen Daseinsraum: die Virtualität (in ihren zahlreichen Spielarten). Als zweiter Anwärter auf einen neuen Daseinsraum des Menschen, der ebenfalls durch dentechnologischen Fortschritt des 20. Jahrhunderts in den Bereich menschlichen Strebensrückte, ist der Weltraum zu diskutieren, der, wie Joachim Fischer (in dem Text „Exzentrische Positionalität – Weltraumfahrt im Blick der modernen Philosophischen Anthropologie“, 2012) nachweist, innerhalb der philosophischen Anthropologie bislang wenig Beachtung gefunden hat. Schnittstelle Anthropologie und Technikphilosophie: Virtualität und Weltraum geben derFrage nach dem Menschen neue Impulse. Am Beispiel des Weltraums ist zu erörtern,inwiefern extreme körperliche und psychische Beeinflussungen durch Anpassungsversuche für ein Leben im Weltraum und inwiefern der Verlust einer gemeinsamen Heimatauf dem Planeten Erde Einfluss auf das menschliche Selbstverständnis nehmen. Darüberhinaus setzen populäre Posthumanisten für ihre Hoffnungen auf ein Leben in der Virtualität den Körper vollständig aufs Spiel. Sie erhoffen sich, durch die gänzliche Lösung vonkörperlichen Bedingtheiten den genuinen Menschen, den Menschen wie er eigentlich istbzw. wäre, wenn ihn die Natur nicht undankbar in einen sterblichen und gebrechlichenKörper gebannt hätte, in seiner geistig unsterblichen Identität virtuell endlich freilegen zukönnen. Vor dem Hintergrund aktueller technologischer Entwicklungen frage ich nachden und diskutiere die Konsequenzen der Horizontformel für etwaige Definitionen desMenschen: Welche Eigenschaften schreibt sich der Mensch über die Räume, in denen ersich aufhält, zu.

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