Das scheinbar „Irrationale“, das uns zu Menschen macht

5. Dezember 2015 von Jonathan Jancsary

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Die Frage, was ein Lebewesen zu einem Menschen macht, ist in der Philosophiegeschichte auf verschiedene Art und Weise beantwortet worden. Eine der menschlichenCharakteristika, die nur am Rande erwähnt und diskutiert wird und im akademischphilosophischen Kontext kaum Beachtung erfährt, ist die Beziehung des Menschen zumscheinbar „Irrationalen“ und damit auch zum Transzendenten. Damit ist gemeint, dassdas menschliche Wesen über verschiedene Eigenschaften und Vermögen verfügt, die mithilfe der szientistisch-rationalen Vernunft nicht vollständig erfassbar sind und deshalbzunächst im Dunklen bleiben. Dazu gehören unter anderem die Phänomene der Kreativität, der Imagination, der Intuition und der mystischen Erfahrung. Solche und ähnlicheEigenschaften beziehungsweise Vermögen sind aber für eine ganzheitliche Erfassung desMenschen essentiell und dürfen bei der Beantwortung der Frage, was den Menschen ausmacht und auszeichnet, keinesfalls vergessen werden. Anders gesagt: „Das Leben bildeteinen eigenen logischen Raum, in dem andere Regeln herrschen als im gegenständlichenErkennen.“ (Fellmann 1993, S. 23) Um die Bedeutung dieser Phänomene konkreterzu fassen, können exemplarisch die Philosophien von Henri Bergson (19./20. Jahrhundert) und Muhyiddin Ibn ‘Arabi (12./13. Jahrhundert) herangezogen werden, da in derenDenken Kreativität, Imagination, Intuition und auch mystische Erfahrung eine entscheidende Rolle spielen. Dies geht so weit, dass von ihnen postuliert wird, dass wir den Menschen nur dann verstehen können, wenn diese Eigenschaften beziehungsweise Vermögenals prägend angesehen werden. Für eine genaue Betrachtung der erwähnten Punkte istes notwendig, den Vortrag auf drei Säulen aufzubauen: (i) Zunächst muss kurz geklärtwerden, was damit gemeint ist, dass der Mensch über scheinbar „irrationale“ Vermögenund Eigenschaften verfügt. Der Begriff der „Irrationalität“ soll deshalb mit den Terminider „Rationalität“ beziehungsweise der „klassisch szientistischen Rationalität“ und der so genannten „A-Rationalität“ in Verbindung gebracht und davon abgegrenzt werden.(ii) Nach dieser begrifflichen Klärung soll genauer auf das Denken von Henri Bergsonund Muhyiddin Ibn ‘Arabi eingegangen werden, wobei der Fokus auf deren Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Kreativität, der Imagination, der Intuition und der mystischen Erfahrung liegt. Dabei wird spezifisch aufzuzeigen sein, inwiefern dieseEigenschaften beziehungsweise Vermögen für das Mensch-Sein essentiell sind. Ihre Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen wird zusätzlich im Kontext ihres ontologischenVerständnisses (Prozessontologie) diskutiert werden, da dieses von großer Bedeutung fürihre Analyse besagter Phänomene ist. (iii) Die exemplarischen Ausführungen über diePhilosophien von Bergson und Ibn ‘Arabi sollen im dritten Teil zusammengefasst undverallgemeinert werden, um sich einer allgemeingültigen Antwort auf die Frage, was denMenschen als Menschen auszeichnet, annähern zu können.

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