„Kritik der Gegenwart“ in Heideggers frühen Freiburger Vorlesungen

30. Juni 2011 von Gerhard Thonhauser

1914 veröffentlichte Theodor Haecker unter dem Titel „Kritik der Gegenwart“ eine Übersetzung des dritten Teils von Søren Kierkegaards Schrift „Eine literarische Anzeige“. Dieser Text beschäftigt sich kritisch mit den Umbrüchen in Richtung Modernität im Kopenhagen Kierkegaards. Schon der von Haecker gewählte Titel „Kritik der Gegenwart“, vor allem aber sein Nachwort weisen darauf hin, dass Haecker Kierkegaards Text nicht in seinem historischen Kontext las, sondern für seine eigene Zeitkritik in Anspruch nahm, er diese Schrift also für die Übersetzung auswählte, weil er ihr eine besondere Aktualität zusprach. Heidegger war ein aufmerksamer Leser Kierkegaards. Es ist es ins Auge stechend, wie viele in „Kritik der Gegenwart“ entwickelte Begrifflichkeiten und Gedankenfiguren sich – von ihrem ursprünglichen gesellschaftspolitischen Kontext gelöst – auch noch in Heideggers „Sein und Zeit“ – sowohl in der Analyse des Man (§27) als auch in dem Abschnitt über das Verfallen (§§35-38) – wieder finden lassen. Darüber hinaus nimmt „Kritik der Gegenwart“ aber vor allem in der letzten der frühen Freiburger Vorlesungen „Ontologie (Hermeneutik der Faktizität)“ aus dem SS 1923 eine prominente Rolle ein; Heidegger verweist in dieser Vorlesung auch mehrfach explizit auf Kierkegaard und bestätigt damit dessen Einfluss. Vor dem Hintergrund dieser historischen Zusammenhänge möchte der Vortrag die zentralen Verschiebungen, die sich aus der Wiederaufnahme von Kierkegaards – und Haeckers – zeitkritischen Überlegungen in Heideggers Bemühungen um eine existenziale Analytik des Daseins ergeben, analysieren und kritisch befragen. Bei dieser kritischen Relektüre sollen auch die Konsequenzen für ein Bedenken bzw. Ignorieren von ethisch-politischen Gegebenheiten und Implikationen nicht unberücksichtigt bleiben.

Diskussion zum Vortrag.

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