Substanz, Relation oder beides: Augustinus und Heidegger zur Frage 'Was sind Personen?'

30. Juni 2011 von Anne Sophie Spann

Was sind Personen? Die Antworten des abendländischen Denkens auf diese Frage lassen sich zwei Grundpositionen zuordnen, denen zwei weitgehend unabhängig voneinander verlaufende Traditionslinien entsprechen: Gemäß dem Relationsmodell (Cicero, Hobbes, Hegel) ist eine Person nichts anderes als eine Funktion ihrer Beziehung zu anderen Personen. Dagegen betrachtet das Substanzmodell (Aristoteles, Boethius, Descartes) die Person gerade als dasjenige, das sich unabhängig von Relationen und sonstigen akzidentellen Eigenschaften durchhält. Trotz der offenkundigen Gegensätzlichkeit beider Modelle finden sich in der Geschichte der philosophischen und theologischen Reflexion auf das Wesen von Personen vereinzelt Ansätze einer Vermittlung. Der Vortrag möchte zwei dieser interessanten Vermittlungsversuche vorstellen und kritisch beleuchten: den im Rahmen seiner Trinitätsspekulation entwickelten Personbegriff Augustinus' sowie Heideggers frühe fundamentalontologische Theorie des Daseins, die der Sache nach eine Philosophie der Person ist. Augsutinus stellt in der berühmten Formel "una essentia vel substantia, tres personae" dem traditionellen Substanzbegriff einen relationalen Personbegriff zur Seite, der auf dem Postulat einer nichtakzidentellen Relationalität basiert. Allerdings verbleibt dieser neue Gedanke in einer dependenten Position; die Relationalität des Personseins von Personen berührt nicht deren Sein qua Substanz. Demgegenüber sucht Heidegger Substantialität ganz in Relationalität aufzulösen, was pointiert in der These "Das 'Wesen' des Daseins liegt in seiner Existenz" zum Ausdruck kommt. Heideggers Dasein ist pure Relationalität, die freilich nicht nur zwangsläufig sich als Substanz mißversteht, sondern - qua Selbstbeziehung - gleichsam substanzhafte Züge trägt. Es ist zu fragen, inwieweit Augustinus' und Heideggers Konzept der Person systematisch überzeugend zwischen Substanzmodell und Relationsmodell zu vermitteln vermögen.

Diskussion zum Vortrag.

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