Dem Unvernehmen nach. Raum-Bilder und Lebensbegriffe in Siegfried Kracauers Kino-als-Geschichtstheorie

13. September 2008 von Drehli Robnik

Der Vortrag widmet sich einigen Facetten der Beziehung von Kino und Biopolitik aus theoretischen Perspektiven (und in Raum-Denk-Bildern), die Siegfried Kracauer vorgelegt hat. Zum einen betrachtet Kracauer die Modulierung der sinnlichen Wahrnehmung durch das Kino in Strukturanalogie zur Alltagsformung in kapitalistisch rationalisierten Arbeitsprozessen. Er tut dies lange bevor diese Sichtweise unter dem Titel "Kulturindustrie" kanonisch und eindimensional wird; und er tut es eben so, dass die kulturell und ökonomisch forcierte, biopolitische Entblößung und Bewirtschaftung von (sozialen und leiblichen) Massen auch ein utopisches Moment hervortreibt. Das Utopische eines durchs Kino vermittelten Auszugs aus Subjektformen von Individualität wie auch von Allgemeingültigkeit, bis hin zur Emphase des "Lebensflusses" in Kracauers Spätschriften, findet sich bei heutigen messianischen Theoretikern wieder, die den Begriff der Biopolitik "ethisch aufladen. In Abgrenzung von solchen Denkfiguren, die Politik über Offenbarungen von schierem oder bloßem Leben verstehen, wäre, noch einmal mit Kracauer (und entlang von Adornos und Schlüpmanns Kracauer-Lektüren), ungefähr dieses zu skizzieren: ein Zusammenhang von Kino, Geschichtlichkeit und Leben, bei dem letzteres ­ etwa das "unkenntliche Leben der Dinge" ­ Brüche im Fluss, Raum- und Zeit-Figuren des Nicht-Passens, konfliktöse Zugehörigkeiten und jederzeitige Kippbarkeit von (Ohn)Machtverhältnissen meint. Es geht dann nicht um vernehmlich werdendes, sondern um unvernehmliches Leben und um Kino als Theorie, die es diagnostiziert.

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