Dauernd ist es jetzt! Das Stehen der Gegenwart und die Identität des Ich

27. Juli 2011 von Wolfgang Fasching

Das zeitliche Fortdauern des Subjekts wird heute üblicherweise als eine Abfolge von Subjektphasen, verbunden durch „Einheitsrelationen“, und damit in Analogie zum Dauern eines Objekts gedacht. Die Vorstellung des Subjekts als eines zeitlich solcherart Erstreckten setzt voraus, dass die Bewusstseinsaktualität etwas im jeweiligen Jetzt Seiendes ist. In diesem Vortrag möchte ich die Frage stellen, ob dies, transzendentalphänomenologisch gesehen, adäquat ist: ob meine Bewusstseinsaktualität nicht, statt etwas sich in der Gegenwart gerade Abspielendes zu sein, vielmehr die Gegenwart selbst ist – nicht i. S. des gegenwärtigen Zeitpunkts (der jetzt gegenwärtig ist und dann in die Vergangenheit sinkt), sondern als die Gegenwärtigkeit des jeweils gegenwärtigen Zeitpunkts (als das, was das je Gegenwärtige gegenwärtig macht). Dies würde die Perspektive auf die diachrone Selbigkeit des Ich radikal wandeln: Statt als das Fortdauern eines innerzeitlichen Gegenstands wäre sie eher vom Phänomen her zu denken, dass ständig jetzt ist, und die zentrale Frage ist nun, was es mit diesem „Stehen“ der Gegenwart auf sich hat. Dieses ist etwas fundamental anderes als das Dauern eines innerzeitlichen Objekts: Die Gegenwart hat keine temporalen Phasen, von denen eine nach der anderen gegenwärtig wird (was in einen infiniten Regress führen würde), vielmehr ist die Gegenwart radikal einzig, ohne zeitliche Teile. Die Gegenwart rückt nicht in die Vergangenheit (abgelöst von einer neuen Gegenwart), denn das In-die-Vergangenheit-Rücken von temporalen Phasen bedeutet gerade ihr Aus-der-Gegenwart-Rücken, welche Gegenwart folglich als solche nicht verfließt. Dies bedeutet für das Ich, dass seine Selbigkeit durch das ständige Verfließen der Erlebnisse hindurch nicht erst durch eine Synthesis zwischen den Erlebnissen zustande kommt, sondern es vorgängig zu seiner Selbstverzeitlichung eine vorsynthetische, nichtkonstituierte Ständigkeit besitzt, die kein innerzeitliches Dauern ist.

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