Namenlos. Wo keine Verortung möglich ist

11. November 2018 von andrea

Thomas Jung

Namenlos. Wo keine Verortung möglich ist

„Scusami, scusami! [...] Entschuldige, wenn ich dazwischenred’; aber uns geht’s um die Sicherheit! [...] Wenn irgendwas passiert, wenn einem Kind was zustoßt – wer zahlt dann dafür? [...] An wen wend’ ich mich dann? Ichwill das wissen! – weil: von denen haben wir keine Vornamen und keine Nachnamen; die haben keine Vornamen und keine Nachnamen, gar nix!“ (Lampedusa: In Europa gestrandet, ARTE Reportage, 2011). Aus diesem Inselbewohner sprechen Angst und Erregung. Nach dem Sturz des Machthabers Ben Ali ergießt sich 2011 die erste Welle an Flüchtlingen über Lampedusa. Binnen weniger Tage sind bereits 5.000 junge Tunesier gestrandet und damit gleich viele Flüchtlinge, wie Einheimische auf der Insel leben. Mit der Aussage „Die haben keine Namen!“ reagiert der Einwohner also auf eine massive Umwälzung innerhalb kürzester Zeit. Welche Ängste werden dabei mobilisiert? Anhand von Camus’ „Der Fremde“ und der „Gegendarstellung“ des Arabers Daoud wird der Bogen gespannt zwischen einer historisch-gesellschaftlichen Dimension und dem sehr individuellen Umgang der Protagonisten damit. Vernichtungsängste und Todeswünsche werden aktiviert. Die Tendenz, den Fremden auszulöschen, ihm seinen Namen zu nehmen, wird ebenso laut, wie die Angst vor Objektverlust bis hin zum Verlust der eigenen Integrität. Wenn das Gegenüber nicht zu verorten ist, kann das eigene psychische Gleichgewicht bis in die Grundfesten erschüttert werden.

Die Sigmund Freud Vorlesungen 2017 sehen sich die Fragestellungen aus psychoanalytischer Sicht näher an. Die Texte zu den Vorträgen sind 2018 im gleichnamigen Band im Mandelbaum Verlag erschienen.

505 Aufrufe
21 Gefällt mir 15 Abneigung
0 Kommentare

Kommentare

Noch wurden keine Kommenare geschrieben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Feeds:
MediaCore Video Plattform
Mission Team Contribute Impressum