Meereslust bei Jules Verne

23. Januar 2008 von Günther Friesinger

Roland Innerhofer hielt im Rahmen des Sympsoions: Grenzflächen des Meeres einen Vortrag zu Meereslust bei Jules Verne und Günther Friesinger gestaltete daraus eine Radiosendung: Die Wasserfahrzeuge bei Jules Verne sind stets Emblemes einer paradoxen Einheit von absoluter Bewegung und absoluter Stabilität. Mobilis in mobili ist das Motto des Kapitän Nemo, Stillstand in Form von Schiffbruch, Einfrieren, Erfrieren, Verhungern, Ersticken bilden für alle Verneschen Seefahrer die größte Bedrohung. Gerade die ungehinderte Bewegung ist die Voraussetzung für die Idylle, das Vollglück in der Beschränkung. Eingeschlossen in ihren Schiffen oder Unterseebooten haben die Reisenden „die größtmögliche Zahl von Objekten zur Verfügung“ (R. Barthes). Gerade auf und unter dem Meer werden Imperien – oder deren Parodien – errichtet, ihre Territorien mit den neuesten Instrumenten vermessen und durch das Netz der Koordinaten festgelegt, ihre Bewohner durch meeresbiologische Taxonomien klassifiziert, aber auch systematisch vernichtet. Die dynamische Raumwahrnehmung auf dem Meer mutiert in ein totalitäres Konzept der Raumbeherrschung, das in Vernes Romanen durch die Position des „gefangenen“ Beobachters und beobachtenden Gefangenen reflektiert wird. Mit Vorliebe werden die mobilen Ordnungen und maritimen Regimes zuletzt wortwörtlich gesprengt: Das U-Boot des ordnungsbesessenen Anarchisten Nemo wird durch einen Vulkanausbruch verschüttet, die Propeller-Insel der steuerflüchtigen Milliardäre durch eine Explosion der Dampfmaschinenkessel in Stücke gerissen. Gesendet am 23.01.2008

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