Zum Verhältnis von Strebens- und Sollensethik

20. Dezember 2015 von Ulrich Fritz Wodarzik

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Heute leben wir in einer Zeit, in der normatives Orientierungswissen mehr gefragt ist alsobjektives Macht- oder Verfügungswissen. Doch worauf soll sich Orientierungswissenstützen? Der riesengroße kaum zu überblickende Fundus der moralphilosophischen Debatte ist nur mit Prinzipien zu bändigen. Gibt es eine einheitliche Prinzipienethik, musssie deontologisch oder eudämonistisch sein? Also ganz streng gefragt: gibt es ein Prinzip,das jeder Art Ethik zu Grunde liegt? Unsere Vernunft fordert zuallererst ein Prinzip, danndie Prinzipiate und weiter die konkreten Spezialfälle und deren Kasuistik. Kant war sich bewusst, dass wir Bürger zweier Welten sind, denn jeder von uns ist ein Vernunftwesen,das wolle, was es als Sinneswesen nur solle. Die hier favorisierte Prinzipienethik im Begriffdes Guten begründet die Strebens- und Sollensethik. Der platonische Begriff des Guten,der bei Plotin das absolute Eine wurde, ist durch das Christentum bis in die Neuzeittradiert worden. Es ist Urgrund für alles bestimmte einheitliche Sein in der Vielheit, istonto-, heno- und theologisch über alles, für alles und in alles. Das Gute, so erinnert unsSokrates, sei doch dasjenige, was jede Seele anstrebe, um dessentwillen sie alles tue. Eswerde niemals nur zum Schein erstrebt oder gewollt, was beim Gerechten immerhin möglich sei (vgl. Politeia 505d). Platon zieht daher den Schluss, dass niemand das Gerechteoder das Schöne richtig erkennt, bevor er nicht auch das Gutsein begreift, d.h. schlechthin in Selbstevidenz gut ist. Es kann nur eine Wahrheit geben, da eine Letztbegründungdie Einheit des Guten voraussetzt vor jeder Vielheit, die selbst aus Einheiten besteht. DasWechselverhältnis zwischen Einheit und Vielheit spielt in der Ethik die entscheidendeRolle und zeigt sich im Verhältnis Sollens- und Strebensethik. Moralität und Eudämonie verhalten sich komplementär zueinander. Die einseitige Verlagerung auf das Sollenwird zurückgewiesen, wir hätten dann bloß ein „unbedingtes Sollen ohne Gott und eineMoralität ohne Glück.“ Mit Strebensethik sei konkret gemeint: ‚Ich‘ will ein gutes undglückliches Leben führen und ‚Du‘ sollst dich dazu fügen. Und mit Sollensethik: Was soll‚Ich‘ tun? Einem ‚Du‘ bei seinem Streben nicht hinderlich sein! Fügt sich ‚Ich‘ und ‚Du‘zu einer harmonischen Einheit wird der Aufstieg zum Guten gangbar. Jede Diskursethikhat hier ihren Beginn. Alle anderen möglichen Ethiken fasse ich als Ableitungen ausdiesen beiden eine Einheit in der Unterschiedenheit bildenden Ethiken, d.h. Wollen undSollen. Sie basieren einerseits auf dem Naturbegriff und andererseits auf dem Freiheitsbegriff. Die absolute Einheit oder das Gute ist für uns unbegreiflich. Strebt die Vernunft inPrinzipien bis an ihre Grenzen, sollten wir uns auf Kant besinnen: „Und so begreifen wirzwar nicht die praktische Notwendigkeit des moralischen Imperativs, wir begreifen aberdoch seine Unbegreiflichkeit; welche alles ist, was billigermaßen gefordert werden kann.“Ordnen wir die Strebensethik dem Weltbegriff und die Sollensethik dem Menschen zu,so bildet Gott als Drittes den natürlichen und moralischen Gesetzgeber (vgl. Wodarzik2006 u. 2008). Der Einheitsgedanke findet sich konkret in jeder menschlichen Gemeinschaft wieder, weil, wenn wir es denken wollen, wir es in unserem Denken auch finden.Man muss der Menschenvernunft nichts Neues lehren, „sie nur, wie Sokrates es tat, aufihr eigenes Prinzip aufmerksam machen, um zu wissen, was man zu tun habe, um ehrlichund gut, ja sogar weise und tugendhaft zu sein“.

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