„Wir brauchen Bilder, das ist unsere animalische Schwäche“. Lacans Topologie als Bruch mit der imaginären Vorstellung des Raums

25. Januar 2016 von Artur Bölderl

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015.

Der Vortrag entwickelt die These, dass des späten Lacan oft ebenso unverstandenes wie unverständliches Faible für die Topologie im Kontext seiner Revision der Freud’schen Psychoanalyse Ausdruck seines unmittelbar philosophisch relevanten – und revolutionären – Versuchs ist, sowohl die Descartes’sche Auffassung von der Seele als einer von der ausgedehntenSubstanz abgehobenen, ausdehnungslos punktförmigen Substanz einerseits als auch Freudsgegensätzliche Vorstellung von der ihr unbewussten „Ausdehnung“ der Psyche andererseitshinter sich zu lassen. Diesen Versuch unternimmt Lacan auf der Grundlage der Einsicht,dass zwischen einen Körper haben und dieser Körper sein ein wesentlicher Unterschied besteht: Während das Haben eines Körpers vom Gesichtspunkt der Seele, sprich: des Geistesaus betrachtet als selbst ausdehnungsloses, aktives Manövrieren bzw. passives Erleiden einerausgedehnten Masse erscheint, taucht in der phänomenologisch aufgeschlossenen Erfahrung des Körperseins selbst nichts Ausgedehntes, im Descartes’schen Verständnis Körperliches auf. Jegliche bildliche, modellhafte Vorstellung von leib-seelischer (Id-)Entität führtimaginär in die Irre und ist Wurzel jener abgrundtief-abgründigen (Selbst-)Verkennungder conditio humana, an der die Anthropologie sei sie psychologischer oder philosophischerProvenienz insgesamt krankt. Diesem imaginären Körper der Anthropologie (selbst nochder Historischen) gilt es den Körper als realen, oder genauer: den Körper als „Ort“ desRealen gegenüberzustellen, welches nicht durch Darstellungen welcher Art immer erfasstoder symbolisiert werden kann, sondern vielmehr im Scheitern aller einschlägigen Versuche durchscheint, d.h. in der Unmöglichkeit der bildlichen Vorstellung solcher nur mathematisch erfassbaren topologischen „Körper“ (wie des Borromäischen Knotens) jenseits ihrerzweidimensionalen „Plättung“. Der Umstand, dass dabei keine direkte Beziehung zwischendem imaginären und dem realen Körper besteht, der eine dem anderen vielmehr „ex‐sistiert“, und die vielfältigen Weisen der Herstellung von „Konsistenzen“ zwischen dem einenund dem anderen machen den Gegenstand der Psychoanalyse nach Lacan’scher Fasson aus:Sie impliziert – und vermittelt in Theorie wie Praxis bzw. Klinik – den radikalen Bruch mitder traditionellen philosophischen Reflexion über den Menschen im Ausgang von dessen„Gestalt“ (oder „Form“), ganz im Sinne der Intervention, die Georges Bataille (dessen Einfluss auf Lacan zu untersuchen bleibt) mit seinem Documents-Artikel ,Informe‘ vorgebrachthat: Nicht nur die Monstren (sprich: die sei’s physisch, sei’s psychisch „Kranken“), sondernauch die „normalen“ Menschen, wir alle, entsprechen nicht der Form, d.h. dem Bild, daswir uns vom Menschen machen. Aus der Anerkennung dieser „Wahrheit“ bezieht die psychoanalytische Kur ihre therapeutische Wirkung.

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