Wie müsste eine Gesellschaft beschaffen sein, damit ein Mensch auch im Alter ein Mensch bleiben kann? Simone de Beauvoirs Entwurf einer existentialistischen Altersethik

15. April 2016 von Esther Redolfi

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck.http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Die Frage des Alters, was es bedeutet und impliziert „alt“ zu sein, berührt Philosophie,Gesellschaft und Politik. Dennoch vermag sich dieser in unserer scheinbar alterslosenGesellschaft kaum jemand aufrichtig stellen zu wollen. Bis heute erregt Simone de Beauvoir mit ihrem in den Siebzigern erschienenen Essay Das Alter aus zweierlei Gründen die Gemüter. Zum einen zwingt sie den Leser, der Realität – dass dies unser allerSchicksal ist – in die Augen zu sehen, und zum anderen prangert sie den skandalösensozialen und menschlichen Umgang mit alten Menschen an: „Hier liegt das Verbrechenunserer Gesellschaft. Ihre ‚Alterspolitik‘ ist ein Skandal. Skandalöser aber noch ist dieBehandlung, die sie der Mehrzahl der Menschen in ihrer Jugend und im Erwachsenenalter angedeihen lässt. Dadurch bereitet sie schon früh die verstümmelten und elendenLebensbedingungen vor, die das Los der Menschen in ihren letzten Jahren sind. Es istSchuld der Gesellschaft, wenn der Altersabbau bei ihnen vorzeitig einsetzt und wenn ersich so rasch vollzieht, in einer physisch schmerzhaft und seelisch grauenvolle Weise, weilsie ihm mit leeren Händen gegenüberstehen. Als ausgebeutete, entfremdete Individuenwerden sie, wenn ihre Kräfte sie verlassen, zwangsläufig zum ‚Ausschuss‘, zum ‚Abfall‘ derGesellschaft. Deshalb sind alle Mittel, die zur Linderung der Not der Alten empfohlenwerden, so unzulänglich: Keines davon vermag die systematische Zerstörung, der mancheMenschen während ihrer gesamten Existenz ausgesetzt sind, wieder gutzumachen. Auchwenn man sie pflegt – ihre Gesundheit kann man ihnen nicht zurückgeben. Damit, dassman ihnen menschenwürdige Altersheime baut, kann man ihnen nicht die Bildung, dieInteressen und die Verantwortung vermitteln, die ihrem Leben einen Sinn gäben. Ich sagenicht, dass es vergeblich wäre, ihre Lebensbedingungen heute verbessern zu wollen; dochträgt dies in keiner Weise zu einer Lösung des eigentlichen Problems bei.“ (Simone de Beauvoir, Das Alter) Beauvoirs Ausführung zeigt auf, welche folgenschweren Konsequenzendie Entfremdung bzw. die Reduzierung eines Menschen, in diesem Fall eines alten Menschen, auf einen ökonomischen Faktor bzw. auf einen vermeintlich defizitären Posteneiner Bilanz mit sich bringt. Neben Fragen der Menschlichkeit und der Menschenwürdedrängt sich – angesichts einer immer älter werdenden Weltbevölkerung, Angst einflößender Hiobsbotschaften über Pflegenotstand und Altersarmut sowie einer dramatisch ansteigenden Zahl von Alterssuiziden – die Notwendigkeit eines neuen Altersethikmodellsauf. Die klassische Morallehre – so Beauvoir –, deren Vertreter (Seneca, Aristoteles, Cicero, Montaigne, Bloch u.v.a.) ein gelassenes Hinnehmen des Alters als ein notwendigesÜbel predigten, um Junge und Alte davon zu überzeugen, dieses Ertragen verleihe eineinnere Größe, war und ist nur ein Spiel mit Worten. Tatsächlich sieht sich der bejahrteMensch, der sich nach Simone de Beauvoirs existentialistischer Auffassung des Alters biszuletzt als eine sich auf die Zukunft werfende Transzendenz wahrnimmt, sowohl durchbiologisch-faktische als auch durch (umgehbarn bzw. vermeidbare) gesellschaftlich-kontingente Bedingungen dazu verdammt, ein Dasein in einer nicht frei gewählten Immanenz fristen zu müssen. Die ethischen Grundsätze von Beauvoirs Altersphilosophie könnten zu einem rechtzeitigen An- bzw. Umdenken von unmittelbar Betroffenen und vonEntscheidungsträgern beitragen und somit sowohl aus ökonomischer (eine frühzeitigeEinbindung bejahrter Menschen in Wirtschaft und Soziales oder bei geistiger und körperlicher Gesundheit getroffene Entscheidungen über Vorsorge- und Pflegemaßnahmen)als auch aus humanitärer Sicht zu einem perspektivreicheren, würdevolleren und folglicheinem tolerierbareren Altern beitragen.

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