Von Freiheit zu Verantwortung. Das ethische Wesen des Menschen

2. Dezember 2015 von Sandro Gorgone

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Der Beitrag will einen Spannungsbogen zeichnen von Heideggers Denken zur Freiheitüber die Überlegungen Nancys über dieses Thema bis zu Lévinas’ Gedanken der für denAnderen „investierten Freiheit“. Das Ziel ist die klassische Bestimmung des Menschenals vernünftiges und ‚freies‘ Lebewesen in Frage zu stellen zugunsten einer ursprünglichen ‚ethischen‘ Kennzeichnung des Menschenwesens als Verantwortung für das Andere.In Heideggers Denken kann man einen Bruch in der Betrachtung des Themas Freiheitfeststellen: nachdem er die Freiheit als „die Grundfrage der Philosophie“ im Jahr 1930charakterisiert hat, thematisiert er sie nicht mehr ausdrücklich. Meine These lautet: Wirfinden uns noch im Schatten dieses Bruches, aber auch in dem von ihm freigelassenenDenkraum, in dem man ein neues ‚ethisches‘ Verständnis von Freiheit gewinnen kann.Trotz der Aussetzung der Behandlung dieses Themas bleibt nämlich bei Heidegger derdenkerische Appell dieses Grundworts immer unbezwinglich: Der Appell der Freiheitist der Ruf des endlichen und ekstatischen Ausgesetzt-Seins des Daseins. Allein solchesAusgesetzt-Sein kann die Freiheit von der langen Tradition ihrer subjektivistischen undvoluntaristischen Aneignung befreien. Ursprünglicher als ihre positive oder negative Bestimmung ist die Freiheit existentiale Ausgesetztheit zur Entbergung des Seienden alssolchem, in dem das Da des Daseins besteht. Dabei entsteht ein Umbruch in der Bestimmung der Freiheit: von dem unheimlichen sich selbst Überantwortetsein des Daseins bei Heidegger zu der ebenso unheimlichen Verantwortung für den Anderen beiLévinas. Nach der Erläuterung, wie der Einzelne der Transzendenz des Anderen ausgesetzt ist, worauf nach Nancy die Gemeinschaft beruht, wird die Freiheit nicht mehr ausder kantischen Kategorie der Autonomie, sondern aus der beunruhigenden Instanz derHeteronomie mit Lévinas gedacht. Der ontologische und nicht nur ethische Vorrangder Verantwortung vor der Freiheit wird schließlich durch die Absetzung des Subjektserklärt, die sich in der anarchischen Intrige von Selbst und Anderem vollzieht, so dass dieSubjektivität die radikale Form der Gastfreundschaft annimmt. Der ethische Anspruchder so bestimmten Subjektivität – die Pflicht der Verantwortung – stellt sich als nicht nurmoralischer sondern ontologischer Kern eines neuen möglichen Humanismus, denn dievon Lévinas als Bezug zum Anderen verstandene Ethik stellt keine theoretische Folge derOntologie, sondern die philosophia prima dar. Der Beitrag wird schließlich versuchen,das philosophische Verständnis der Menschenrechte aus dem ontologischen Vorgang derVerantwortung vor der Freiheit neu zu denken.

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