Ontologische Relativität, Fundamentalontologie und verkörperte ­Kognition

22. April 2016 von Peter Kügler

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck.http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Mit „ontologischer Relativität“ ist gemeint, dass Antworten auf die Frage, welche Artenvon Entitäten es gibt, von den verwendeten Begriffen abhängen. Unabhängig von Begriffssystemen können ontologische Fragen nicht gestellt werden. Verschiedene Begriffssysteme implizieren verschiedene Ontologien. Im Gegensatz dazu geht der metaphysischeRealismus von der Existenz „natürlicher Arten“ aus, auf die allgemeine Begriffe referieren.Was als eine solche natürliche Art gilt, hängt für den metaphysischen Realismus nichtvom Begriffssystem ab. Ontologische Relativisten wie Quine und Putnam beziehen sichallerdings ebenfalls auf etwas, das vor oder unabhängig von der Beschreibung mittels Begriffen existiert. Sie bezeichnen es als „rohe Erfahrung“ oder eher unreflektiert als „Wirklichkeit“ oder „Welt“. Würde man dieses Nicht-Konstruierte aus der Theorie streichen, soerhielte man einen reinen „Konstruktivismus“, gegen den es Einwände gibt. Andererseitslässt sich das Nicht-Konstruierte nicht begrifflich erfassen, was die Frage aufwirft, ob manüberhaupt versteht, was damit gemeint ist. Hier bietet sich die Fundamentalontologiedes frühen Heidegger als Lösung an. Das in Sein und Zeit erörterte praktische Seinsverständnis ist „vorontologisch“, und zwar auch dann, wenn man „ontologisch“ im Sinn vonQuine und Putnam versteht – als Behandlung der Frage, was es gibt. Charakteristischfür dieses vorontologische Verstehen von Welt ist die Zuhandenheit der Dinge („Zeug“),während Ontologien die Dinge als vorhandene konzipieren. Die Entstehung einer Ontologie aus dem vorontologischen Seinsverständnis ist ein Übergang von der Zuhandenheitzur Vorhandenheit der Dinge. Heidegger erklärt diesen Übergang auf eine Weise, dieerahnen lässt, warum die Fundamentalontologie manchmal als kontinentaleuropäischeVariante des amerikanischen Pragmatismus gesehen wird. Man findet z.B. Parallelen zuDewey, wenn dieser beschreibt, wie aus einer „unbestimmten“ Situation ein „Problem“wird. Doch auch wenn der Pragmatismus betont, dass sich die Bedeutungen von Begriffen aus praktischen Bezügen ergeben, bleibt sein Begriff von Kognition dem Intellektverpflichtet. Erst das begrifflich formulierbare Problem führt zu Kognition, während fürHeidegger auch das vorontologische Verstehen eine Art Kognition ist. Heidegger wurdedaher zurecht zu einem philosophischen Helden des Forschungsprogramms der „verkörperten Kognition“, das von der Annahme ausgeht, dass der Körper und seine Einbettungin die Umwelt für Kognition konstitutiv sind und nicht nur einen kausalen oder instrumentellen Beitrag zu kognitiven Prozessen leisten. Während der Kognitivismus (Computationalismus und Konnektionismus) für konstruktivistische und realistische Interpretationen anfällig ist, dürfte für die verkörperte Kognition der ontologische Relativismus also metaphysischer Rahmen besser geeignet sein, jedenfalls in der von Heidegger inspiriertenfundamentalontologischen Variante. Der Hauptgrund für diese Affinität liegt eben in derübereinstimmenden Deutung der vorbegrifflichen Praxis als einer Art von Kognition.

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