Homo faber fabricatus? Alternativen zur Vermessung des Menschen

15. Februar 2016 von Thomas Schmaus

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Das (Selbst-)Verständnis des Menschen als Homo faber, der die Natur mithilfe von (Kultur-) Techniken so umformt, dass er dadurch seine natürlichen Mängel kompensiert undseine naturgegebenen Fähigkeiten überbietet, führt zu einem Gestaltungsprozess, in dender Mensch nicht nur als Subjekt (faber), sondern auch als Objekt (fabricatus) involviertist. Demnach ist die praktische Intelligenz mit einer Reflexivität verbunden, die nicht nurdenkend, sondern auch handelnd vollzogen wird. Der Produzent beugt sich produzierendauf sich selbst zurück, er macht sich zum Produkt – und versteht sich auch als ein solches,also technisch. Die digitale Gesellschaft unserer Zeit eröffnet für ein solches Selbstverhältnis noch mehr Möglichkeiten als der industriellen zur Verfügung standen, in welcher diese Leitvorstellung des Menschseins erstmals artikuliert und terminologisiert wurde. Neben den vielversprechenden Biotechnologien, die fundamental in die genetische ,Natur‘des Menschen eingreifen können und darüber hinaus medikamentöse Mittel zur Leistungssteigerung bereitstellen, sind die vielfachen Schnittstellen von Mensch und Computer von zunehmender Relevanz für den humanen Selbstgestaltungsprozess. Sie sind diesnicht zuletzt aufgrund ihrer leichten Zugänglichkeit, der kaum öffentlichkeitswirksameethische und rechtliche Hürden gesetzt sind, wie das bei den Biotechnologien (noch) derFall ist – selbst von der Datenschutzproblematik sieht sich ein Großteil der Betroffenennicht tangiert. Jeder, der will, kann sich innerhalb einer erweiterten Realität (AugmentedReality) mithilfe von Messgeräten und Smartphone-Apps dabei unterstützen lassen, sich selbst zu verbessern und zu optimieren (Enhancement, Self-Tracking, Quantified Self ).Was im beruflichen Umfeld lange als Nötigung empfunden wurde – möglichst effektiv zufunktionieren – wird heute zunehmend freiwillig in das Alltagsleben implementiert. Manerhofft sich damit eine Verbesserung der Lebensqualität, die letztlich auf dem Anspruchberuht, sich von fundamentalen natürlichen Bedingtheiten und Einschränkungen zuemanzipieren, um die Welt und sich selbst autonom kultivieren zu können. Gegner dieserEinstellung versuchen meist, diese Befreiung als nur scheinbare zu entlarven, bringt sichder Mensch damit doch in eine vorher nicht gekannte Abhängigkeit von der Technik.Diese führt zum einen dazu, dass bei einem technischen Versagen eine nicht gekannteHilflosigkeit zutage tritt. Eine andere Problematik entsteht gerade dann, wenn alles reibungslos funktioniert und der Mensch sich voll und ganz auf die Bedingungen ausrichtet,die dazu nötig sind. Die Reduktion auf das, was sich messen und quantifizieren lässt,schränkt den Spielraum der menschlichen Selbstentfaltung auf das technisch Machbareein, der sich zwar stetig erweitert, aber nur innerhalb der Grenzen, die ihm gesetzt sind.Der vermessene Mensch ist berechenbar in all den Bedeutungen, die dieses Adjektiv beinhaltet. Er verhält sich selbst kalkulierend und berechnend, um seine Selbstoptimierungvoranzutreiben und wird zugleich zum berechenbaren Manipulationsobjekt für die ökonomischen und politischen Interessen Anderer. Jenseits der Utopien und Dystopien, diein diesem ambivalenten Zusammenhang gezeichnet werden, lassen sich Alternativen aufzeigen, die weder der Technophilie noch der Technophobie verpflichtet sind, sondern denmenschlichen Denk- und Handlungsspielraum aus der Verengung zu befreien versuchen,in die sich der Homo faber fabricatus gebracht hat. Sie bestehen in Handlungsweisen, dieweder aktivisch noch passivisch sind, sondern – nach einer grammatikalischen Bezeichnung für das dazwischenliegende Genus verbi – medial. So lässt sich etwa das sogenannteFlow-Erleben, also das selbstvergessene Aufgehen in einer Tätigkeit, nicht herstellen, sondern muss sich ergeben und entzieht sich damit der Berechenbarkeit. Exemplarisch kannman solche und ähnliche Handlungsformen (Mitgestalten, Wachsenlassen) und (Resonanz-)Erfahrungen am aktuellen Phänomen des Urban Gardening studieren. Der Gartenals ursprünglicher Kulturraum erfährt hier eine zeitgemäße Aktualisierung – nicht ineiner nostalgischen oder eskapistischen Idylle außerhalb unseres technologisch geprägtenLebensraumes, sondern innerhalb seiner und in – freilich unkonventionellem – Bezugdazu, bis hinein in ökonomische Zusammenhänge.

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