Franziskanische Konzeptionen der Willensfreiheit im späten 13. Jahrhundert (Wilhelm de la Mare, Petrus Johannis Olivi, Petrus de Trabibus)

17. November 2015 von Hubert Franz Xaver Alisade

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015. http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Eine merkliche Veränderung der philosophisch-theologischen Diskussionen um diemenschliche Willensfreiheit innerhalb der christlichen Scholastik des 13. Jahrhunderts tratnach der Pariser Lehrverurteilung durch Bischof Étienne Tempier vom 7. März 1277 ein.Vor allem Gelehrte aus dem Franziskanerorden machten sich ab dieser Zeit die argumentative Begründung und Verteidigung der menschlichen Freiheit, die sie nicht nur durch deterministisch anmutende Lehren aus dem Milieu der Pariser Artistenfakultät, sondern auchdurch die Auffassung Thomas von Aquins, gemäß der die menschliche Freiheit wesentlichin der ratio verwurzelt ist, gefährdet sahen, zur besonderen Aufgabe. Wilhelm de la Mareist ein Mann des Übergangs. In seinem nach 1268 entstandenen Sentenzenkommentarwie auch in einer um 1274/75 disputierten Quaestio quodlibetalis vertritt er noch gemäßigtvoluntaristische Positionen hinsichtlich der Natur des menschlichen Willens und des Sitzesder menschlichen Freiheit. Das nicht lange nach der Verurteilung von 1277 (ca. 1278/79)verfasste Correctorium fratris Thomae dagegen zeigt bereits – wenngleich in einer kaum systematisch abgerundeten Art und Weise – eine radikale Überordnung des Willens über dieVernunft. Vernünftigem Überlegen wird zwar immer noch die Rolle einer conditio sine quanon für freie menschliche Entscheidungen zugestanden, die Wahl zwischen verschiedenenAlternativen trifft aber allein und gleichsam selbstherrlich der Wille. Noch weiter als Wilhelm de la Mare in der Verfechtung einer nahezu schrankenlosen Freiheit des Menschengeht Petrus Johannis Olivi. In der umfangreichen und in hohem Maße originellen FrageAn in homine sit liberum arbitrium wählt er einen phänomenologisch-existentiellen, vonaus dem menschlichen Alltag bekannten Affekten ausgehenden Ansatz. Freundschaft undFeindschaft, um nur eines der sieben von Olivi angeführten „Affektkombinationen“ zu

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nennen, sind nur möglich zwischen freien menschlichen Subjekten. Selbst die Intelligibilität der Affektbegriffe ist nur gewährleistet unter Voraussetzung der menschlichen Freiheit.Mit leidenschaftlichen Worten vertritt er die Position, dass der freie Wille das „eigentlichMenschliche“ sei und der Mensch ohne diesen nicht mehr wäre als ein „intellektuelles Tier“.Der Verlust des freien Willens und nicht, wie etwa bei Thomas von Aquin, der Verlust derVernunft ist folglich für Olivi das größte Unglück, das einen Menschen treffen kann, weiler dadurch gewissermaßen seines Menschseins entkleidet wird. Verschiedene Elemente derPosition Olivis wurden um 1295 von dem vermutlich in Florenz lehrenden Petrus de Trabibus rezipiert. Ebenso lässt sich der Nachweis einer Beeinflussung von Petrus de Trabibus’Freiheitslehre durch Wilhelm de la Mare erbringen, was einen kleinen Fortschritt für dieideengeschichtliche Erforschung der Scholastik des späten 13. Jahrhunderts darstellt.

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