Die Selbsterschaffung des Menschen. Zu Arnold Gehlens Resonanzphänomen und Ernst Kapps Organprojektion

21. Januar 2016 von Thomas Hainscho

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015.http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Arnold Gehlen bestimmt den Menschen als ein mangelhaft konstituiertes Lebewesen,dem eine naturgegebene Aufgabe fehlt. Es ist wesentlich für den Menschen, sich selbsteine Aufgabe zu geben und damit eigene Mängel zu kompensieren. Philosophisch wiehistorisch setzt Gehlen den Beginn des Menschseins mit dem Herstellen und Verwendentechnischer Werkzeuge an. Technik nimmt damit eine Schlüsselposition in seiner Bestimmung des Menschen ein. In seinen Texten zur Technik aus den 50er- und 60er-Jahrenspricht er der Technik nicht nur zu, Entlastungsprinzip zu sein, mit ihrer Hilfe ist es demMenschen auch möglich, sich selbst besser zu verstehen. Es gibt etwas in der Technik, dasGehlen als spiegelbildlichen Ausdruck des menschlichen Wesens versteht. In diesem Zusammenhang führt er den Begriff des Resonanzphänomens ein, womit ein innerer Sinnbezeichnet ist, der ein wortloses Verständnis des eigenen Wesens ermöglicht. Die Resonanz jenes spiegelbildlichen Ausdrucks in der Technik zu spüren, verhilft Menschen dazu,ihr eigenes Wesen zu begreifen. Die Ausführungen Gehlens in den Texten zur Techniklassen den Begriff des Resonanzphänomens m.E. jedoch im Dunkeln. Eine Interpretationdieses Konzept kann mithilfe der Technikphilosophie von Ernst Kapp gewonnen werden.Möchte Gehlen im 20. Jahrhundert den Menschen ausgehend von der Technik her denken, so versucht Kapp im späten 19. Jahrhundert, Technik vom Menschen ausgehendzu begreifen. Dabei teilen beide Denker die voraussetzende Annahme eines wesentlichmangelhaften Menschen, der Technik dazu einsetzt, um seine Mängel zu kompensieren.Kapp beschreibt Organe des menschlichen Körpers als Vorbild für technische Werkzeuge. Stellen Menschen Werkzeuge her, dann produzieren sie sich stets nur selbst – diesenZusammenhang bezeichnet Kapp als Organprojektion. Durch die Herstellung bzw. denGebrauch eines bestimmten Werkzeugs kann sich ein bestimmter Zweck offenbaren, derauf ein Organ zurückführbar ist. So liefert Technik eine Analogie für die Konstitutiondes Menschen. Interpretiert man Gehlen mit Kapp, dann vermag es der Mensch im Umgang mit der Technik, seine Veranlagung zu erkennen, sich eines bestimmten Zwecksannehmen zu können. Ich möchte mit Bezug auf die skizzierte Interpretation Argumentefür eine Position vorstellen, nach der Technik eine Bedingung für die Möglichkeit desWissens über sich selbst ist.

4619 Aufrufe
493 Gefällt mir 449 Abneigung
0 Kommentare

Kommentare

Noch wurden keine Kommenare geschrieben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Anzeige aller Kennzeichen

Tags

Das hat keine Kennzeichen zugeordnet.

Feeds:
MediaCore Video Plattform
Mission Team Contribute Impressum