Das Unvordenkliche denken. Das un-mögliche Ethos des Denkens bei Heidegger und Schelling

28. Oktober 2015 von Sylvaine Gourdain

Vortrag am 10.Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, Innsbruck 2015.http://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/1326563.html

Ausgangspunkt des Vortrags bildet die These, dass es Heidegger sowie Schelling in denmittleren bzw. späten Phasen ihres Denkens darum geht, eine nicht transzendentale Konzeption des Bezugs zwischen dem Menschen und dem, was ist, zu entwickeln. Darausgeht ein gewandeltes Verständnis des Denkens und der Existenz des Menschen hervor,das auf einem fundamentalen, nicht normativen Ethos beruht. Gerade dieses Ethos repräsentiert für Schelling und für Heidegger nichts Anderes als die Aufgabe der Philosophie.Hiermit lässt sich auch aufweisen, dass diese Suche nach einer angemessenen Haltung desMenschen zur Welt eine grundlegende Konvergenz zwischen Heideggers und SchellingsDenken konstituiert, und zwar in einer systematischen Hinsicht, jenseits der rezeptionstheoretischen Perspektive. Auch wenn der menschliche Zugang zur Wirklichkeit nichtmehr transzendental konzipiert werden kann, wird der privilegierte Bezug des Menschenzum „Seyn“ in dieser Konzeption nicht geleugnet, sondern im Gegenteil hervorgehoben. Er wird sogar als das genuine Kennzeichen für die menschliche Existenz betrachtet,insofern diese sich in der Spannung zwischen höchster Freiheit und irreduzibler Faktizität entfaltet. Einerseits ist nämlich der Mensch das einzige Wesen oder Seiende, dases vermag, „das Wunder aller Wunder: daß Seiendes ist“ (Heidegger, GA 9, S. 307) zuverstehen, und in diesem Vermögen zu denken besteht seine größte Freiheit. Andererseits kann er über seine eigene Existenz nicht verfügen und muss permanent gegen seineeigene Faktizität und Endlichkeit stoßen. Wir befinden uns somit immer schon in einerbesonderen hermeneutischen Konstellation, die wir weder gewollt noch gewählt haben,weil wir in ein Geschehen involviert sind, das uns vorhergeht und dennoch gleichzeitig inAnspruch nimmt. Alles, was sich uns zeigt, manifestiert oder offenbart, wird uns in einemzeit- und raumgebundenen Kontext zugänglich, hinter den wir nicht zurückkommenkönnen. Jedem Phänomen wohnen somit ein konstitutiver Entzug und eine irreduzibleVerborgenheit inne, die die Möglichkeit des Erscheinens, d.h. die Phänomenalität selbst,gewähren. Obwohl das Denken gleichsam immer zu spät kommt, werden wir dazu aufgefordert, einen Raum für das Unverfügbare, das Verschlossene, den „nie aufgehende[n]Rest“ (Schelling, SW VII, S. 360) in unserem Denken freizulassen, um dieser Abgründigkeit gerecht zu werden. Diese Konzeption einer „Wirklichkeit“, die durch einen wesentlichen Entzug getragen wird, führt zu einer neuen Auffassung des Denkens, das derVergegenständlichungs- und Aneignungslogik der Moderne zu entgehen sucht und dieErfahrung der eigenen Grenze und Machtlosigkeit in sich mit einbezieht. Dieses Denkenlöst sich von dem Selbstbegründungs- und Selbstermächtigungsanspruch der Metaphysik ab und kennzeichnet sich durch seine „Armut“ und seine Selbstbescheidung. Die Philosophie fängt nicht mehr mit ihrer Selbstsetzung an, sondern mit ihrer Depotenzierungund mit dem Lassen von sich selbst. Insofern ist dieses Denken „in sich ein Lieben“ (Heidegger, GA 75, S. 363), da nur die Liebe diese Scheidung von sich und diese Öffnungzur Alterität in einem Gestus der Freiheit ermöglicht. Das ekstatische Außer-sich-gesetztwerden und das Seinlassen des Anderen, die in der Liebe geschehen, schaffen somit dengesuchten Freiraum für das Unverfügbare und Unvordenkliche. Diese Form der Liebe istaber in sich ein Wagnis, das der Gefahr der Selbstnegation und des gänzlichen Verlustespermanent ausgesetzt bleibt. Es wird dann in dem Vortrag die Frage gestellt, ob diesesEthos überhaupt erreicht werden kann oder ob es eine unmögliche Aufgabe bleibt.

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