Die zeitliche Dimension sozialer Wertschätzung im institutionalisierten Lebenslauf

30. Juni 2011 von Gottfried Schweiger

Die Bedeutung wechselseitiger Anerkennung für die Ausbildung von Identität und für das Verständnis gesellschaftlicher Verhltnisse wurde seit der Reaktualisierung des Anerkennungsbegriffes durch Axel Honneth vielfach aufgenommen und diskutiert. Ein Aspekt, der hierbei bislang zu wenig systematisch untersucht wurde, ist die zeitliche Dimension sozialer Anerkennungsverhältnisse. Die vertretene These lautet, dass soziale Wertschätzung im Wesentlichen nicht einfach aktual an eine gesellschaftlich für sinnvoll und nützlich erachtete Leistung oder Eigenschaft gekoppelt ist, sondern vielmehr eine in sich zeitliche Kategorie ist, sie also im Rahmen eines Lebenslaufes kontinuierlich erworben wird. In anderen Worten: Will man soziale Wertschätzung als Strukturprinzip moderner Gesellschaften erfassen, so bedarf es keiner synchronen sondern vielmehr einer asynchronen Perspektive, die soziale Anerkennungsverhältnisse über die Zeit abbildet. Dies kann am Konzept des institutionalisierten Lebenslaufes und der mit ihm verbundenen Rahmenbedingungen gezeigt werden. Individuelle Leistung wird nicht einfach gegen gesellschaftlichen und sozio-ökonomischen Status getauscht, sondern vielmehr ist dieser an einen nachvollziehbaren Lebenslauf gebunden. Dies erfordert, der Terminologie von Elias folgend, "Langsicht", also den Aufschub aktueller Bedürfnisse zu Gunsten erwarteter Gegenleistung in der Zukunft. Solcherart langfristige Orientierung wurde und wird durch ein System der betrieblichen wie auch (sozial)staatlichen Garantie, dass erbrachte Leistungen konserviert und belohnt werden, überhaupt ermöglicht und gestützt. Soziale Wertschätzung ist somit nicht nur abhängig von der Eingliederung in eine bestimmte Gesellschaftsformation, die Leistungen und Eigenschaften honoriert, sondern von der Dauerhaftigkeit dieser "Mitgliedschaft". Ihren differenzierenden Charakter übt soziale Wertschätzung also wesentlich auch darüber aus, dass Diskontinuitäten im Lebenslauf sanktioniert werden.

Diskussion zum Vortrag.

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