Anders – aber im Verhältnis wozu? Zum Problem der Geschichtlichkeit der ästhetischen Erfahrung bei Merleau-Ponty.

30. Juni 2011 von Iris Laner

Das Spezifikum ästhetischer Erfahrung laut Merleau-Ponty liegt in ihrer Umschlagskraft. Das künstlerische Bild erschöpft sich nicht in einer abbildenden Relation, sondern gibt genuin Anderes zu sehen und provoziert hierin ein Anderswerden der Erfahrung. In der ästhetischen Erfahrung kommt etwas zum Vorschein, was zwar immer schon gegeben ist, „normalerweise“ aber keine Ausdrücklichkeit erlangt. Dem Anspruch, der in der ästhetischen Erfahrung aufbricht, kommt dabei subjektkonstitutiver Charakter zu: Die Erfahrung, die hier „gemacht“ wird, bleibt dem Subjekt nicht äußerlich, sondern fördert seine Subjektivität als pathisches Angesprochenwerden-Können zu Tage, die es als immer prekär bleibendes Spannungsfeld der Erfahrung verständlich werden lässt. Somit liefert Merleau-Ponty zwar ein überzeugendes Argument für die läuternde Kraft der ästhetischen Erfahrung sowie für deren subjektkonstitutiven Charakter. Er lässt aber offen, in welchem (erfahrungs-)geschichtlichen Zusammenhang dieses Anderswerden steht und stellt uns somit vor das Problem, das Verhältnis von Konstitution, Genese und Geschichtlichkeit der Subjektivität zu denken. An Merleau-Pontys „ästhetische Theorie“ schließt sich daher die Frage an, wie eine „Ver-Anderung“ der Erfahrung möglich ist, wenn sie keinen dezidiert geschichtlichen Bezugsrahmen betrifft. Wenn ästhetische Erfahrung also ein Anderswerden bedeutet, dann stellt sich die Frage, in Bezug worauf dieses anders eigentlich anders ist. Angesprochen ist damit die Verhältnishaftigkeit, der bei Merleau-Ponty gerade in seinen späten Ausführungen zum „Fleisch“ (chair) zwar auf einer Ebene der aktualen Erfahrung thematisiert wird, nicht aber in Bezug auf den „Zusammenhang“ der Erfahrung als Erfahrungsgeschichte. In kritischer Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty soll im Vortrag danach gefragt werden, welche Rolle diese Geschichtlichkeit im Rahmen eines Spezifikums der ästhetischen Erfahrung als „Ver-Anderung“ spielt.

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