Grenzen der Selbsterfahrung - Phänomenologie der Unzugänglichkeit (Husserl und Kant)

30. Juni 2011 von David Espinet

Phänomenologie ist Zugangsforschung. Unbeirrt hält Husserl daran fest, das der Zugang zu den Sachen selbst durch originär gebende Präsenz erfolge, eine Annahme, die vom späten Husserl in einigen seiner Forschungsmanuskripte indes kritisch nuanciert wird. In "Das Problem des Anfangs" (Hua 39, Nr. 43) entfaltet Husserl eine Phänomenologie der indirekten Zugänglichkeit. Er beschreibt dort den Umgang mit dem direkt Unzugänglichen. Direkt unzugänglich ist mir nicht nur das alter ego, sondern all jene eigenen Erfahrung, von welchen mir keine Erinnerungen bleiben. Phänomenologisch virulent wird dies bei der Frage nach dem Anfang des Bewusstseins, nach dem allerersten Akt, der (Selbst)Erfahrung urstiftet. Das Referat möchte zeigen, dass (1) die Phänomenologie Husserls auf der Suche nach dem ersten Anfang des ego, auf eine originäre Leerstelle trifft, die nur rekonstruktiv gewonnen werden kann; dass (2) die transzendentale Phänomenologie damit erneut auf das Problem stößt, das bereits im Kontext der Fremderfahrung auftrat. Auf verschärfte Weise zeigt sich auch in der Selbsterfahrung des ego eine Grenze der originären Gegebenheit; dass (3) die transzendentale Phänomenologie damit ein Problem wiederholt und verschärft, dass sich bereits bei Kant stellte, nämlich dass das Subjekt sich nicht erkennt, wie es ist, sondern wie es sich erscheint; dass (4) dieser Phänomenalismus der Selbsterfahrung die Phänomenologie an eine Grenze bringt, auf welcher sich das eigene Selbst nurmehr appräsentativ, d.h. als Entzug, zeigt. Was in Bezug auf die Fremderfahrung vielfach als solipsistischer Schwachpunkt beschrieben worden ist, mag unter Maßgabe von Kants kritischer Philosophie auch als Stärke aufgefasst werden: Phänomenologie wäre die Zugangsforschung, die auch die Grenze der Selbstzugänglichkeit beschreibt. Damit erwiese sich die Phänomenologie als "Kritik" im genauen Sinne: Grenzziehung der Grenzen, die meiner Subjektivität durch die Endlichkeit ihrer Erkenntnismöglichkeiten gegeben sind.

Diskussion zum Vortrag.

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