Das Anliegen der Forschungen von Matthäus Leidenfrost zielt darauf ab, den Menschen aus einer neuen, historisierenden und dezentrierten Perspektive zu betrachten, die sich von der klassischen humanistischen Aufklärung abhebt. Für einen solchen Posthumanismus als kritisches Unterfangen biete sich, so Matthäus Leidenfrost, insbesondere der Begriff des Mythos an, der immer schon einen der zentralen Reflexionsbegriffe des Humanismus darstellt: Denn Aufklärung und moderne Wissenschaft grenzen sich in ihrem Selbstverständnis ausdrücklich vom Mythos ab. Dabei bezeichnet der Begriff des Mythos nicht nur historische Legenden und Erzählungen, sondern auch Theorien, die aus Sicht ihrer Überlegenheit beanspruchenden Kritiker die wissenschaftlichen Standards der Nachvollziehbarkeit und Begründung verfehlen.
In seinem Vortrag stellt Matthäus Leidenfrost zwei konträre Ansätze einander gegenüber, eine Philosophie der Modernisierung unter Bezugnahme auf den Begriff des Mythos zu entwickeln und wägt deren wechselseitige Kritikpunkte gegeneinander ab: Auf der einen Seite findet sich die Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit als hierarchisches Stufenmodell hin zu einer Entfaltung einem neuen, höheren Typus von Vernunft, wie es etwa Habermas mit seinem Ideal einer kommunikativen Vernunft vertritt.
Dem stellt Matthäus Leidenfrost alternative Bemühungen gegenüber, den Begriff des Mythos für eine sogenannte posthumane, dezentrierte, kontextbezogene Interpretation des Menschen fruchtbar zu machen. Leiderfrost verweist dabei auf Gedanken Friedrich Nietzsches wie auch auf der feministische Philosophin Donna Haraway. Konfrontiert werden beide Autoren mit den von Habermas vorgebrachten Einwänden, für den der Mythos den größten Kontrast zur Moderne darstellt. Nietzsche sei hingegen vorzuwerfen, zu versuchen, „im anderen der Vernunft Fuß zu fassen“. Habermas setzt sich auch mit der These der Kritischen Theorie auseinander, die von Adorno und Horkheimer verfochten wurde, dass die moderne Aufklärung auch aus sich heraus in der Gefahr schwebe, in Mythos umzuschlagen.